1996: Wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ein Schlaganfall. Das Leben der engagierten Friedensstreiterin Margrit Spichtig aus Sächseln/Schweiz verändert sich völlig. Von einem Tag auf den anderen. Hirnblutung. Margrit Spichtig kann sich nur noch mühsam im Rollstuhl fortbewegen und kaum mehr sprechen. Der unerwartete Schlaganfall reißt 2 Menschen jäh aus einem Lebenshoch. Margrit Spichtig startete gerade ihr Hilfsprojekt Kelistan für arbeitslose kurdische Teppichweberinnen, und
Alois Spichtig, ein bekannter Innerschweizer Bildhauer, hatte eben einen großen Auftrag bekommen. Zwei Marienskulpturen. Für eine Kirche in Rafz und die Liebfrauenkirche in Zürich.
Statt in seinem Atelier die beiden Großaufträge auszuführen, fuhr er ein halbes Jahr jeden Tag nach Luzern, besuchte seine Frau im Kantonsspital. «Für eine anspruchsvolle Arbeit fehlte mir die Konzentration, alles andere als das Leben von Margrit war für mich auf einmal unwichtig geworden.»
Heute kann Margrit dank Physiotherapie und regelmäßiger Übung den rechten Arm und das rechte Bein wieder bewegen. Langsam lernt sie wieder wie ein Kind das Lesen. Ihr Langzeitgedächtnis ist Gott sei Dank intakt geblieben.
Die Krankheit seiner Frau, ist für Alois Spichtig ein unerklärliches Schicksal, das ihnen beiden auferlegt worden ist. Aber in all dem Leid möchte er seine Hoffnung wach halten. «Vor allem Hiob und Tobit halfen mir, den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Dabei veränderte sich mein Gottesbild … Gott hat den Menschen für die Freiheit geschaffen. Ich stehe nicht im Mittelpunkt.»
Nach einem Jahr konnte Alois seine Arbeit an den Marienskulpturen wieder aufnehmen und zu einem Abschluss bringen: «Ich entdeckte, dass der Name Mirjam auf Hebräisch „Die das Bittere trug“ bedeutet. Ich lernte das Thema Maria in einem größeren Zusammenhang meines Lebens zu sehen.»
Margrit hielt sich in dieser Zeit öfters im Atelier auf und konnte den Arbeitsprozess ihres Mannes mitverfolgen. Die Marienskulptur der Liebfrauenkrypta besitzt kein Gesicht. «Deswegen war Margrit anfänglich sehr irritiert … »
Maria, ein kantiger Block. Erkennbar eine sitzende Gestalt. Stark reduziert. Eingeschrieben in ihren Schoß sehen wir ein Kind. In Kreuzform. Weit geöffnete Hände. Anspielung auf viele Jesusfiguren bei Marienstatuen. Es ist, als wäre Maria in diesem Block noch verhüllt. Verborgen. Als könnte man jederzeit das Tuch von der tatsächlichen Figur ziehen. Maria trägt das Bittere. Das Leiden ihres Sohnes.
Für Alois Spichtig besitzt jede Veränderung im Leben einen Sinn. «Wir können nur aus dem Glauben und dem Vertrauen schöpfen, dass eine solche Krankheit ein Samenkorn ist, das in die Erde gelegt wird und irgendwo und irgendwann Frucht bringt.»
Für Maria hat Alois Spichtig diese Gestalt(ung) gefunden. Die das Bittere trägt.
(Die Hinweise auf dieses Marienbild und das damit verbundene Schicksal von Margrit und Alois Spichtig stammen von Andreas Baumeister im ferment-Bildband „heilen und gesund werden“, 2000/2001)
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Helmut Loder
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