Ein Bild von Maria? Arnulf Rainer ist Maler. Ein ziemlich berühmter sogar. Österreicher. Und eigentlich Über-Maler. Er malt und übermalt Kreuze, Fotos, alte Bilder. Wahlweise aus der Bibel, Illustrationen und Darstellungen aus alten Ausgaben, oder Reproduktionen aus der Kunstgeschichte. In seiner unverwechselbaren Manier übermalt er sensible Stellen und Flächen, betont er die Linien, zeigt er Spannungsbögen auf. Verhüllt und reißt auf. Weist auf Brüchiges hin und verdeutlicht. Setzt klare Akzente.
1998/99 gestaltet Arnulf Rainer diese Madonnenübermalung: Bewusst transparent gesetzte Farbstreifen vor dem Hintergrund eines schwarzweißen Marienbildes.
Wilhelm Sinkovicz schreibt dazu: „Die Bilder der ausgehenden neunziger Jahre verraten oft schwungvolle Übermalungsgesten, die als Reflexionen und, je nachdem, feinsinnige oder spontane Kontrapunkte zu den übermalten Figuren gedeutet werden können. Am bewegendsten ist hier vielleicht die in weich geschwungenen Linien verhüllte Madonna, deren Blick durch die modernen künstlerischen Reflexionen zu höchstem Ausdruck gesteigert scheint.“
Rainer hat seit den fünfziger Jahren konsequent geistliche Themen bearbeitet. Die Schau „Im Zeichen des Kreuzes“ im Diözesanmuseum in Venedig (Jänner 2004) vereinte Arbeiten aus der jüngsten Vergangenheit, die allesamt auf religiösen Motiven beruhen. Übermalungen von Christus-, Engels- und Mariendarstellungen setzen starke spirituelle und oft auch schockierende Akzente.
Maria, übermalt. Ein neues Bild von Maria.
Ein seltsames Bild. Das Licht der hellen Farbe bricht ein ins dunkle SW-Bild.
Das Gesicht wird in einem angedeuteten Kreis umflossen von warmen hellen Farben. Lichtschein, heiliger Schein. Wie eine farbenfrohe Folie, übers Bild gelegt.
Der Blick fällt auf das Gesicht. Hebt es hervor.
Steigerung. Akzentuierung. Ein neues Bild entsteht. Ein Schleier für Maria.
Maria übermalt. Provokation ist es längst keine mehr.
Man hat sich daran gewöhnt.
Bilder werden durch seine Art, sie zu verdichten, zu prägen, neu aufgeladen.
Werden spannend. Die Madonna wirkt irgendwie „anders“.
Rainer gelingt es, mit ein paar Strichen oder flächigen Streifen die Bilder ins Leuchten zu bringen. Maria schaut frisch aus. Wie neu … Davon könnten wir lernen, nicht wahr?
P.S: Am 27. Mai stand in der Zeitung: Der österreichische Maler Arnulf Rainer erhält die Ehrendoktorwürde der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Für sein Lebenswerk, „das mit der höchsten Intensität künstlerischer Reflexion christliche Bildentwürfe und eigenständige Malerei in einen oft konfliktreichen Widerstreit führt.“
Maria lächelt auf seiner Übermalung. Sie weiß, wovon die schreiben …
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Helmut Loder
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